Was will und kann psychologische Ernährungsberatung ?
Mein Selbstverständnis als Ernährungspsychologe.
Die klassische Ernährungsberatung steht seit Jahren in der Kritik. Trotz unzähliger Empfehlungen, Regeln und Ernährungspläne gelingt es ihr oft nicht, Menschen langfristig zu einem entspannteren oder gesünderen Essverhalten zu verhelfen. Die Frage ist also: Kann die Ernährungspsychologie hier mehr leisten? Und wenn ja – wie?
Gesunde Ernährung – was ist das?
Schon der Begriff „gesunde Ernährung“ ist schwieriger, als er zunächst klingt. Frage ich Menschen, was gesundes Essen für sie bedeutet, beschreiben viele vor allem das, was für ungesund gehalten wird: zu viel Zucker, zu wenig Gemüse, zu viel Fleisch, zu viele Kohlenhydrate. Doch sobald es um das richtige Maß geht, werden die Antworten sehr unterschiedlich. Für manche bedeutet ein Stück Kuchen mit „Industriezucker“ pro Woche bereits ein schlechtes Gewissen. Andere wechseln zwischen strengen Ernährungsregeln und Phasen, in denen sie gegen diese „verstoßen“ – oft begleitet von Scham und Selbstvorwürfen.
Hinzu kommt eine gesellschaftliche Haltung zur Ernährung, die ständig vermittelt, wir würden uns grundsätzlich falsch ernähren: zu wenig Eiweiß, zu viele Kohlenhydrate, zu wenige Nährstoffe. Gleichzeitig füllen Nahrungsergänzungsmittel ganze Regale in Drogeriemärkten – als müsste jede vermeintliche „Ernährungssünde“ mit Pulver, Kapseln oder Vitaminen behoben werden.
Diese Verunsicherung entsteht nicht zufällig. Auch Ernährungswissenschaft und Medizin tragen dazu bei. Zwar veröffentlicht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) weiterhin Empfehlungen und Regeln für eine „gesunde Ernährung“, doch deren wissenschaftliche Grundlage wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Selbst die DGE räumt inzwischen ein, dass Menschen Nährstoffe sehr unterschiedlich verwerten und Ernährung nicht losgelöst von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren betrachtet werden kann.
Das verweist auf ein grundlegendes Problem der Ernährungswissenschaft: Gute, wirklich belastbare Studien sind selten. Ernährung lässt sich nur schwer unter kontrollierten Bedingungen über lange Zeit untersuchen. Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop vergleicht viele Ernährungsempfehlungen deshalb mit dem Blick in eine Glaskugel. Die Gesundheitswissenschaftlerin Inge Mühlhauser bezeichnet einen großen Teil der Ernährungsforschung sogar als wissenschaftlich fragwürdig.
Auch ich habe während meiner Tätigkeit als Ernährungswissenschaftler zahlreiche Ernährungstrends erlebt, die jeweils als wissenschaftlich gesichert galten – und später wieder relativiert wurden. Während meines Studiums in den 1990er-Jahren etwa galt Cholesterin in Eiern noch als erheblicher Risikofaktor – obwohl die zugrunde liegenden Studien bereits damals kritisch diskutiert wurden. Kohlenhydrate wurden lange nahezu uneingeschränkt empfohlen, später wiederum pauschal problematisiert. Heute wechseln sich neue Trends und Warnungen beinahe im Jahrestakt ab.

Ein Professor sagte mir einmal offen, warum viele schwach belegte Aussagen dennoch verbreitet werden: Studierende hätten bestimmte Erwartungen an das Fach, und Universitäten müssten diese Erwartungen bedienen, um attraktiv zu bleiben. Bezeichnend ist dabei, dass Essstörungen unter Studierenden der Ernährungswissenschaft deutlich häufiger vorkommen als in der Allgemeinbevölkerung.
In den Medien wird die Situation oft noch zugespitzt. Fernsehsendungen, populäre Ärzt:innen oder Influencer:innen vereinfachen komplexe Zusammenhänge oft erheblich. Einzelne Fallbeispiele werden verallgemeinert, Korrelationen als Ursachen dargestellt und Studien ohne Einordnung präsentiert. Die differenzierte Darstellung ist aufwendig und erregt nun mal weniger Aufmerksamkeit – einfache Botschaften kommen dagegen sehr gut an.
Verunsicherung nimmt zu
Das Ergebnis sehe ich täglich in meiner Arbeit: Viele Menschen sind zutiefst verunsichert, wenn es um Ernährung geht. Sie glauben zu wissen, wie sie sich „eigentlich“ ernähren sollten, handeln jedoch anders. Diese Diskrepanz erzeugt Stress, Schuldgefühle und Scham – und kann im Extremfall zur Entwicklung einer Essstörung beitragen. Dabei sollte Essen ursprünglich etwas ganz anderes sein: Es soll satt machen, Genuss ermöglichen und Lebensqualität schaffen.
Genau hier setzt die Ernährungspsychologie an.
In meiner Arbeit als psychologischer Ernährungsberater orientiere ich mich an den Prinzipien evidenzbasierter Medizin. Wenn Aussagen über bestimmte Lebensmittel oder Ernährungsweisen wissenschaftlich nur schwach belegt sind, kommuniziere ich dies offen. Denn aus meiner Sicht gibt es nicht die eine „gesunde“ Ernährung, die für alle Menschen gleichermaßen passt.
Das Ziel psychologischer Ernährungsberatung besteht deshalb nicht darin, Menschen möglichst perfekt an Regeln anzupassen. Vielmehr geht es darum, sie dabei zu unterstützen, ihre eigene, für sie passende Ernährungsform zu finden – eine Ernährung, die körperlich und psychisch gut tut.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die intuitive Ernährung: also die Fähigkeit, wieder stärker auf Hunger, Sättigung, Bedürfnisse und körperliche Signale zu hören. Dieser Prozess ist individuell und benötigt Zeit.
Mein Vorgehen
Neben fundierter Aufklärung über Ernährung und Essverhalten arbeite ich dabei mit verschiedenen psychologischen Ansätzen:
- Häufig ist die Angst vor bestimmten Lebensmitteln der Gesundheit abträglicher als die Lebensmittel selbst. Hier geht es darum, Ängste zu verstehen und schrittweise abzubauen.
- Wenn Essen oder Nicht-Essen das Denken dauerhaft dominiert („Food Noise“) und die Lebensqualität erheblich einschränkt, versuche ich gemeinsam mit den Betroffenen zu verstehen, welche psychische Botschaft hinter diesem Erleben steht.
- Achtsamkeit und Interozeption helfen dabei, Körpersignale differenzierter wahrzunehmen und dadurch weniger leicht von vermeintlichen „Aufklärungen“ und widersprüchlichen Ratschlägen beeinflussbar zu sein.
- Selbstmitgefühl unterstützt Menschen darin, aus Selbstabwertung und Schuldgefühlen auszusteigen.
- Beim emotionsregulierenden Essverhalten arbeite ich unter anderem mit der Psychologie der Selbstbejahung, einem integrativen psychologischen Verfahren, entwickelt von der Gesellschaft für angewandte Psychologie (GAP). Dieses für Therapie und Beratung anwendbare Verfahren fußt im Kern auf die personenzentrierte Gesprächstherapie. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass jedes Verhalten einen „guten Grund“ hat – auch dann, wenn es problematisch erscheint. Es integriert die Wirksamkeit der wichtigsten psychologischen Ansätze zu einem Verfahren, das einfühlsames Verstehen, sowie wirkungsvolle Förderung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit ermöglicht: es öffnet Wege an Grenzen, die vorher unüberwindbar erschienen. Eine Übersicht findet sich hier.
- Gefühle und Bedürfnisse sollen nicht bekämpft sondern verstanden werden. Körperorientierte Verfahren und die bewusste Wahrnehmung körperlicher Empfindungen bieten hierfür oft einen wichtigen Zugang.
- Besonders wichtig ist mir dabei eine traumasensible Haltung. Viele problematische Essmuster stehen in engem Zusammenhang mit biografischen Belastungen oder frühen Beziehungserfahrungen.
Angst, Verunsicherung, ständiges Grübeln über Essen, Scham und das Gefühl, wieder „versagt“ zu haben – all das erzeugt Stress. Und genau dieser Stress ist häufig gesundheitsschädlicher als das Essen selbst.
Deshalb geht es aus meiner Sicht nicht darum, immer neuen Ernährungsidealen hinterherzulaufen. Denn eine Ernährung, die dauerhaft Angst, Druck und Schuldgefühle erzeugt, kann kaum wirklich gesund sein. Entscheidend ist viel mehr, einen entspannten, selbstbestimmten und vertrauensvollen Umgang mit Essen zu entwickeln.
Neben Einzelberatungen und meinen Gruppenangeboten biete ich jetzt erstmals eine Weiterbildung in Ernährungspsychologie.